Zeitzeugin

Frau Rhodes erzählt

Am Donnerstag, den 8. November 2018, gab es für die SchülerInnen der neunten und zehnten Klassen sowie für einige Oberstufenschüler besonderen Besuch aus Großbritannien. Frau Rhodes, geborene Michel, berichtete über ihre Familie. Ihre Mutter Ursula Michel konnte mit einem der letzten Kindertransporte als 15jährige vor den Nazionalsozialisten aus Ludwigshafen nach England fliehen.

Zunächst zeigte uns Frau Rhodes eine Dokumentation über das Leben und die Flucht ihrer Mutter. Wir erfuhren, unterlegt mit vielen originalen Fotos und Gegenständen, von denen wir später sogar einige zu sehen bekamen, vieles über die junge Ursula Michel, die als älteste von zwei Töchtern eines jüdischen Vaters und einer protestantischen Mutter in Ludwigshafen aufwuchs. Seit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 litt die Familie unter antisemitischen Anfeindungen. So erlebte sie 1938 die Reichspogromnacht, die sie nur mit Glück überlebte. Im August 1939 kam sie mit einem der letzten Kindertransporte nach Großbritannien. Obwohl sie in der Fremde gut Fuß fasste und bald von einer britischen Familie aufgenommen wurde und später sogar heiratete, belastete sie Zeit Lebens die Tatsache, dass sie und nicht etwa ihre jüngere Schwester Lili den Krieg überlebt hatte. Bis zu ihrem Tod besuchte sie ihre ehemalige Heimatstadt Ludwigshafen nicht mehr. Heute erinnern vor ihrem ehemaligen Wohnhaus in der Pfalzgrafenstraße drei Stolpersteine an ihre Familie, die in Konzentrationslagern ermordet wurde.

Nach dieser aufschlussreichen Einleitung stellten die SchülerInnen Fragen an Frau Rhodes. Diese Fragerunde wurde hauptsächlich in Englisch geführt. Bei schwierigen Sachverhalten übersetzte unser Englischlehrer Herr Ücgül.

Die Fragen der Schülerinnen und Schülern drehten sich hauptsächlich um das Leben der Mutter in Großbritannien und um das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter. Frau Rhodes antwortete sehr ehrlich, aber auch immer sachlich. So erzählte sie von ihrer Mutter, wie sie versuchte, mit den Ereignissen ihrer Jugend fertig zu werden. Sie zweifelte an der Liebe ihrer Eltern, weil diese sie nach England geschickt hatten und Lili bei ihnen bleiben durfte. Diese Denkweise bedauerte Frau Rhodes sehr, da einige Briefe der Eltern zeigen, wie sehr sie Ursula geliebt haben.

Viele Fragen drehten sich aber auch um aktuelle politische und soziale Themen, wie die Flüchtlingspolitik, den erneuten internationalen Rechtsruck und ganz aktuell den Brexit. Letzterer mache sie, genau wie die aktuelle Politik des US-Präsidenten, wütend. Sie bedauere, dass viele Briten völlig unvorbereitet in eine so wichtige Entscheidung gegangen waren und warnte eindringlich vor dem womöglich drohenden Zerfall der EU, der für alle Beteiligten sehr schlimm sein würde.

Ich fand die Veranstaltung sehr bereichernd und berührend, da es um einen Fall hier aus Ludwigshafen ging, was dem Thema eine ganz andere Intensität gab. Die Antworten von Frau Rhodes waren für mich sehr interessant und aufschlussreich.

Erik Nowack 10b